Miss Vera auf Reisen

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was bisher geschah II

zugegeben: ich habe mich rar gemacht in letzter zeit. doch damit ist nun schluss. hier und jetzt wird wieder gebloggt!

denn: stoff gibt es genug hier. in singapur.

zwei wochen weile ich nun schon in dieser seltsamen stadt. es ist ein bißchen wie disneyland für businessmenschen oder inhaber einer goldenen kreditkarte. alles etwas zu künstlich, alles zu konsumorientiert. eine perfekte stadt, wenn perfekt bedeutet, dass alles funktioniert, die menschen wohlhabend sind und in den straßengräben kein müll landet.

singapur, das ist ein kleiner kulturschock, wenn man wie ich vorher ein semester im indonesischen entwicklungsland verbracht hat. jede nische dieses stadtstaates ist diametral entgegengesetzt allen anderen asiatischen nachbarländern.

"singapore is a fine city" lautet ein populärer spruch, und es stimmt, singapur ist eigentlich "die verbotene stadt". an jeder ecke sorgen verbotsschilder für perfektion. fahrrad fahren in einem fußgängertunnel? 500 euro. mal eben einen schluck wasser in der u-bahn trinken? 250 euro. bei rot über die ampel gehen? lieber nicht, big brother is watching you.

in singapur ist alles geregelt - manchmal überregelt. das schafft ordnung und ein funktionierendes system. in welchem anderen land könnte man das leitungswasser bedenkenlos trinken oder in ein taxi steigen mit der garantie, keinen weißen-aufschlag zahlen zu müssen? als frau genieße ich es, nachts problemlos ohne männlichen begleitschutz durch die straßen gehen zu können. noch nie hat mir eine stadt ein so extremes gefühl von sicherheit vermittelt.

doch diese perfekte ordnung hat ihren preis. buchstäblich, ihren preis. denn singapur ist eine besserverdienerstadt. wer ohne stadtplan per bauchgefühl zu fuß die gegend erkunden möchte, wird keine fünf schritte gehen und unweigerlich in einer shoppingmall landen. so viele konsumtempel, dass ich mich frage, wer da überhaupt noch konsumieren soll.

im stadtzentrum steht ein wolkenkratzer neben dem anderen. dazwischen touristentauglich renovierte chinesische shophäuschen und anwesen im kolonialstil. auch gassen gibt es und kleine putzige häuser - mit einem glasdach drüber, damit die klimaanlage funktioniert.

zugegeben: es lässt sich leicht leben hier. als weiße schenkt mir keiner mehr beachtung als nötig, der multikulti-philosophie sei dank. ich tauche unter in der masse der chinesen, malayen, inder und expats und vermisse das "hello miss" ganz sicher nicht. die leute sprechen alle perfektes englisch (ok, die ausprache, naja), sodass ich nicht mehr radebrechend und mit händen und füßen kommunizieren muss. auch habe ich nicht ständig dieses schlechte gewissen, so unendlich viel reicher und priviligierter zu sein - als studentin und unbezahlte praktikantin gehöre ich hier eher dem unteren drittel der gesellschaft an.

nur: perfektion ist nicht sexy. da fehlt die dynamik, der geist, die seele.

 

 

4 Kommentare 23.9.07 16:28, kommentieren